03.06.2012
Frage an Alexander Van der Bellen

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THEMA: Finanzen
03.06.2012
Frage von Name des Fragestellers Name des Fragestellers
Sehr geehrter Hr. Prof. Van der Bellen!

Bitte korrigieren SIe mich, wenn ich falsch liege, ich gehe im Folgenden davon aus, dass Sie, mindestens was die Analysen betrifft, Keynes einiges abgewinnen koennen und am Modell der Liquiditaetsfalle nichts Grundsaetzliches auszusetzen haben.

Ist es dann nicht ein massives Problem, dass Zinssaetze nicht nominell negativ werden koennen, da Schulden parallel zu den Geldguthaben gesamtwirtschaftlich exponentiell wachsen muessen um eine Liquiditaetsfalle zu vermeiden, was ja nicht auf Dauer funktionieren kann?

Hervorhebung von "nominell" deshalb, weil reale Negativzinsen nur durch hohe Inflation erreicht werden koennen, also durch massive Beintraechtigung der Preise als Knappheitsindikataor (da Inflation sich ja nicht gleichzeitig auf alle Preise durchschlaegt).

In anderen Worten, ist die uebliche Abschmetterung von Zinskritik, Zins als Preis fuer verschiedene Zeitpraeferenzen nicht zu kurz gegriffen, da immer nur die in der Gegenwart liegende Zeitpraeferenz des Kreditnehmers beruecksichtigt wird, aber nie die in der Zukunft liegende des Sparers (mindestens um den Sparbetrag), wobei ja gleichzeitig erst der Kreditnehmer die Erfuellung dieser Zeitpraeferenz des Sparers ermoeglicht? Sollte der Zinssatz daher nicht je nach Verhaeltnis zwischen Kreditangebot und Kreditnachfrage (bei bestimmten Laufzeiten) nicht auch negativ sein koennen und schlaegt die Liquiditaetsfalle nicht geraede dann zu, wenn der Zins nicht mehr zumindest noch leicht positiv ist?

Naechste Frage: Waere daher nicht die Einfuehrung einer Umlaufgebuehr auf Geld sinnvoll, durch Einfuehrung einer zunaechst in sehr kleinen Mengen ausgegebener Parallewaehrung mit der Umlaufgebuehr um Umstellungsaengste und Kapitalflucht zu vermeiden, um nach einer laengeren Phase der Gewoehnung allmaelich zur Alleinwaehrung zu werden?

20.07.2012
Antwort von Alexander Van der Bellen

Alexander Van der Bellen
Sehr geehrter Herr Vorname des Fragestellers,

danke sehr für Ihre Fragen und Anregungen. Ich kann den theoretischen Modellen Keynes natürlich einiges abgewinnen und sehe auch, dass wir derzeit in der EU dem Modell der Liquiditätsfalle bedrohlich näher kommen könnten. Die Entscheidung der EZB von letzter Woche, den Leitzins auf historische 0,75% zu senken, brachte an den Märkten offenbar nicht das gewünschte Ergebnis. Und das Beispiel Japan zeigt, wie schwierig es sein kann, aus einer Situation der Null-Zinssätze mit gleichzeitig niedrigem Wachstum wieder heraus zu kommen.

Allerdings bin ich nicht der Meinung, dass die Schaffung von Parallelwährungen dieses Problem lösen können. Das Beispiel des Wörgler Freigelds mag durchaus seine regionalen Erfolg gefeiert habe, aber ich bin der Meinung, dass solche Parallelwährungsexperimente mit Null-Zinssätzen maximal zeitlich begrenzt auf regionaler Ebene Erfolg haben können.

mit freundlichen Grüßen

Vorname des FragestellersVan der Bellen
www.gruene.at
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